"What you don't see, you drink anyway"

Matcha ist nicht gleich Matcha — warum die Herkunft der ganze Punkt ist
Feldnotiz · Herkunft & Verfahren

Matcha ist nicht gleich Matcha — und "aus Japan" ist keine Marketing-Floskel

Jede zweite Story auf deinem Feed zeigt gerade jemanden mit grünem Latte in der Hand. Was fast nie mitgeliefert wird: woher das Pulver eigentlich stammt. Klingt nach Detail — ist aber der Unterschied zwischen zwei völlig verschiedenen Produkten, die zufällig gleich aussehen.

Frisch gemahlenes Tencha in einer Hand
Tencha, kurz bevor es zu Matcha vermahlen wird — je dunkler und feiner, desto mehr steckt drin.

Matcha ist gerade das, was Avocado-Toast 2016 war: überall, fotogen, angeblich gesund. Cafés in Zürich, Bern und Genf haben ihn auf jede Karte gepackt, TikTok hat ihn zum Ritual gemacht — hinschütten, umrühren, posten. Was fast nirgends draufsteht: Weil die japanische Ernte seit Monaten knapp ist, kommt ein wachsender Teil des Pulvers, das gerade als "Matcha" verkauft wird, gar nicht mehr aus Japan.

Und das ist kein Detail für Feinschmecker. Es ist der Unterschied zwischen zwei Produkten, die zufällig dieselbe Farbe haben.

Warum "Japan" hier kein Herkunftsland ist, sondern ein Verfahren

Der grösste Denkfehler beim Matcha-Vergleich: zu glauben, das Land auf der Verpackung sei nur ein Gütesiegel-Gefühl, wie bei Schokolade aus Belgien. Ist es nicht. "Japanischer Matcha" beschreibt ein ziemlich striktes, jahrhundertealtes Verfahren — und wer dieses Verfahren nicht durchläuft, stellt am Ende ein anderes Produkt her, das zufällig auch grün und pulvrig ist.

Das Problem: Das Wort "Matcha" selbst ist nirgends gesetzlich geschützt. Jeder darf "Ceremonial Grade" auf eine Packung schreiben, egal woher das Blatt kommt oder wie es verarbeitet wurde. Genau deshalb lohnt sich ein Blick darauf, was das japanische Verfahren eigentlich technisch von der Konkurrenz unterscheidet.

Vier Schritte, die Japan anders macht — und die den Unterschied ausmachen

1. Die Sorte selbst. Rund drei Viertel des japanischen Teeanbaus laufen über Sorten wie Yabukita, die höherwertigen Matcha-Sorten wie Asahi, Samidori oder Gokō wurden gezielt auf dünne, flache Blätter gezüchtet, die sich gut entadern und vermahlen lassen. Matcha aus anderer Herkunft stammt oft von ganz gewöhnlichen Grünteesorten, die nie für Beschattung oder Steinmahl gezüchtet wurden — andere Ausgangsgenetik, anderer Deckel für die mögliche Qualität.

2. Die Beschattung. Japanische Felder werden 20 bis 28 Tage vor der Ernte unter Netzen oder Strohdächern verdunkelt — dieser Schritt heisst oishita. Das treibt Theanin hoch und Bitterstoffe runter. Beschattung kostet Fläche, Arbeitszeit und Ernteausfall, weshalb sie beim Sparen zuerst gestrichen wird — unabhängig vom Herkunftsland, aber in der Praxis am konsequentesten in Japan durchgezogen.

3. Das Dämpfen statt Rösten. Frisch gepflückte japanische Blätter werden innerhalb weniger Stunden gedämpft, um die Oxidation zu stoppen — das erhält Farbe und Aminosäuren. Traditioneller chinesischer Grüntee wird stattdessen in der heissen Pfanne geröstet (kamairicha) — ein völlig anderes Aromaprofil, das für Sencha oder Longjing wunderbar funktioniert, aber nicht auf Matcha ausgelegt ist.

4. Die Mühle. Traditionelle Granit-Steinmühlen mahlen extrem langsam — rund 40 Gramm Matcha pro Stunde und Mühle — damit keine Reibungshitze entsteht, die Aromastoffe zerstört. Ein Grossteil von Matcha anderer Herkunft läuft über industrielle Kugelmühlen, die in derselben Zeit ein Vielfaches produzieren, dabei aber mehr Hitze erzeugen und ein gröberes Pulver liefern.

Fairerweise: Das ist kein Naturgesetz, sondern ein Investitionsmuster. Einzelne Betriebe ausserhalb Japans, etwa in China, investieren mittlerweile ernsthaft in Beschattung und Steinmahl nach japanischem Vorbild. Der Unterschied ist also keine Landkarte mit "gut" und "schlecht" — aber die Wahrscheinlichkeit, das vollständige Verfahren zu bekommen, ist bei etablierten japanischen Anbaugebieten ungleich höher.

Das Ergebnis dieser vier Schritte lässt sich sogar messen. Japans staatliches Agrarforschungsinstitut NARO hat 2018 insgesamt 74 Matcha-Proben aus dem ganzen Land im Labor durchleuchtet. Für den direkten Vergleich mit "Matcha, das den Prozess nicht durchlaufen hat", nahmen die Forscher einen Ausschnitt daraus: 56 Matcha-Proben aus handelsüblichen Kleinpackungen, gegen 6 Proben simples Grünteepulver, das nicht nach dem japanischen Tencha-Verfahren hergestellt war. Das Ziel: nicht mehr der Verpackung glauben, sondern der Chemie.

Teefeld mit jungen Blättern unter Beschattungsnetz
Genau hier entscheidet sich alles: unter dem schwarzen Netz, wochenlang, bevor überhaupt geerntet wird.

Was die Beschattung im Körper konkret verändert

Das Gefühl, das Matcha vom Kaffee-Zittern unterscheidet — wach, aber ruhig, ohne den Crash danach — kommt hauptsächlich von einer Aminosäure namens L-Theanin. Sie entsteht durch genau den Beschattungs-Schritt von oben. Ohne ihn: kein Ruhe-Effekt, egal wie grün das Pulver aussieht.

0/6Proben ohne Tencha-Verfahren bestanden den Theanin-Test
55/56nach japanischem Verfahren hergestellte Proben bestanden ihn

Quelle: NARO-Studie, 2018 — Anteile bestandener Proben je Kategorie.

Übersetzt in Café-Sprache: Wenn dein Latte primär bitter schmeckt und du danach genauso zappelig bist wie nach einem Kaffee, hat das Pulver den Beschattungs-Schritt vermutlich nie durchlaufen — unabhängig davon, was auf der Dose steht.

"Aus Japan" ist kein Herkunftsstempel wie bei Wein. Es ist eine Abkürzung für vier Verfahrensschritte, die zusammen erst den Effekt erzeugen, wegen dem Matcha überhaupt zum Trend wurde.

Warum die Herkunftsfrage mehr ist als Geschmackssache

Was passiert, wenn jemand ohne Eigeninteresse einfach nachmisst

Genau das hat 2026 die tschechische Verbraucherorganisation dTest gemacht, Partnerorganisation von Stiftung Warentest — relevant für uns, weil die getesteten Produkte auch in Schweizer Regalen und Online-Shops stehen. Zwölf Matcha-Produkte, zehn reine Pulver, zwei Latte-Mischungen. Ins Labor, auf Pestizide, Schwermetalle und Aluminium geprüft.

Das Ergebnis war kein Totalschaden, aber auch kein Grund zur Entwarnung: ein Produkt "sehr gut", fünf "gut", sechs nur "zufriedenstellend". Am auffälligsten war ausgerechnet der Stoff, an den niemand zuerst denkt.

0,4 mgAluminium/g beim saubersten Produkt im Test
2,3 mgAluminium/g beim am stärksten belasteten

Quelle: dTest / Stiftung Warentest, 2026 — je nach Produkt 1 bis 11 mg Aluminium pro Tasse.

Warum das mehr ist als eine Zahl: Teepflanzen ziehen Aluminium ganz natürlich aus dem Boden. Bei normalem Tee ist das halb so wild, weil du die Blätter nur aufgiesst und wieder rausnimmst — ein Grossteil bleibt im Blatt zurück. Bei Matcha isst du das komplette, fein gemahlene Blatt mit. Alles, was drin ist, landet auch in dir. Stiftung Warentest rechnet vor: Bei einer 60 Kilo schweren Person reicht schon eine Tasse pro Woche vom am stärksten belasteten Produkt im Test, um rund 20% der tolerierbaren wöchentlichen Aluminium-Aufnahme auszuschöpfen. Mit einer Tasse. Pro Woche.

Das eigentlich Interessante: Diese Schwankung hatte wenig mit "Japan vs. Rest der Welt" zu tun — sie zeigte sich innerhalb von Produkten, die alle regulär in Europa verkauft werden, unabhängig vom Etikett. Was die Tester stattdessen unterschied, war Transparenz: Wer nachweisen konnte, woher das Blatt stammt und wie der Boden dort geprüft wird, schnitt zuverlässiger gut ab.

Aluminium ist kein Japan-oder-China-Thema. Es ist ein Boden-und-Kontrolle-Thema — und genau deshalb bringt "Herkunft nachvollziehbar" mehr als "Herkunft: Japan" allein.

Weil japanische Ernten seit Monaten praktisch ausverkauft sind — Tokioter Teeläden verhängen mittlerweile Kaufbeschränkungen —, füllt eine zweite Quelle die Lücke: Grünteepulver aus anderen Ländern, oft ohne dass überhaupt ein Ursprungsland auf der Packung steht. Für dich am Tresen ist das komplett unsichtbar — und es geht um mehr als nur Aroma.

Kurzer Realitäts-Check, bevor wir weitermachen: Ein Grossteil der Artikel im Netz, die "China schlecht, Japan gut" schreien, stammt von Firmen, die japanischen Matcha verkaufen. Eigeninteresse, nicht Wissenschaft. Deshalb hier nur, was aus unabhängigen Quellen stammt.

Eine 2024 in Science of the Total Environment veröffentlichte Auswertung mehrerer Studien zu Pestizidrückständen in Tee nennt eine Teilstudie, in der 72% der untersuchten chinesischen Teeproben Rückstände aufwiesen. Beim EU-Grenzkontrollsystem RASFF liegt China bei Pestizid-Beanstandungen von Tee nicht an der Spitze — das sind Indien und die Türkei — taucht aber regelmässig auf, auch 2024/25 mit konkreten Fällen bei chinesischem Grüntee.

Wichtig, um fair zu bleiben: Diese Zahlen gelten für Tee generell, nicht für Matcha oder einzelne Marken. Kein Urteil über jede Tasse. Aber ein Muster, das bei Matcha mehr wiegt als bei anderem Tee — weil du bei Matcha nicht nur einen Sud trinkst. Du isst das ganze, fein gemahlene Blatt. Alles, was die Pflanze aus Boden und Luft aufgenommen hat, landet komplett in deiner Tasse.

Einzelnes Teeblatt wird zwischen den Fingern geprüft
Der Herkunft sieht man's dem Blatt nicht an. Nur dem Etikett — oder dem Labor.

Was du an der Kasse tun kannst, ohne nervig zu sein

Die gute Nachricht: Du musst nicht Chemiker werden, um besseren Matcha zu erkennen. Vier Fragen reichen, und ein seriöser Verkäufer beantwortet sie in zehn Sekunden, ohne zu zögern.

Die Vier-Fragen-Probe
  1. Aus welcher Region in Japan stammt das Blatt — nicht nur "Japan", sondern Präfektur oder sogar Betrieb?
  2. Gibt es ein unabhängiges Laborzertifikat (COA) für Schwermetalle und Pestizide — und ist es aktuell?
  3. Wie lange wurde vor der Ernte beschattet?
  4. Steht die Herkunft nachvollziehbar auf der Packung oder nur vage "Product of Asia"?

Es gibt tatsächlich Läden und Importeure in der Schweiz, die genau das liefern können, weil sie direkt mit den Bäuerinnen und Bauern in Japan sprechen, statt anonym auf dem Weltmarkt einzukaufen. Danach zu fragen kostet dich nichts — und sagt mehr aus als jedes "Ceremonial Grade" auf der Dose.


Matcha ist kein Betrug. Aber "Matcha" ist längst zu einem Wort geworden, das ein Verfahren und eine Herkunft beschreiben sollte — und stattdessen für fast alles Grüne und Pulvrige herhalten muss. Wer nach der Herkunft fragt, fragt am Ende nicht nach Snobismus, sondern danach, ob er das bekommt, wofür Matcha ursprünglich berühmt wurde.

QUELLEN — NARO (国立研究開発法人農業・食品産業技術総合研究機構), 果樹茶業研究部門, „国産抹茶の価格と化学成分含有量の関係", 2018, publiziert in Horie et al. (2018), JARQ 52(2):143–147. Gesamtstichprobe 74 Matcha-Proben; die zitierten 56-vs-6-Vergleichswerte beziehen sich auf die Teilmenge Kleinpackungen (≤40g) gegen Grünteepulver. · dTest / Stiftung Warentest, Matcha-Schadstofftest, 2026 (test.de). · ScienceDirect, "Pesticide residues in common and herbal teas combined with risk assessment and transfer to the infusion" (2024). · PMC, "Notifications on Pesticide Residues in the Rapid Alert System for Food and Feed (RASFF)".

Angaben zu Sorten, Beschattung, Dämpfung und Mahlverfahren basieren auf branchenüblichen, mehrfach unabhängig bestätigten Herstellerangaben aus Fachartikeln japanischer und internationaler Tee-Fachhändler — keine einzelne wissenschaftliche Primärquelle, aber ein über mehrere Quellen konsistentes Bild. Die China-Quellen zu Pestiziden beziehen sich auf Tee allgemein, nicht spezifisch auf Matcha oder einzelne Marken.

naro.go.jp — Originalquelle · ORIZUMI.CH
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