Eine Schale Ruhe: Matcha, Shincha und die Kunst des Wartens
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Zeit für eine warme Schale: Was uns die Teepflanze über den Winter erzählt
Die Tage werden kürzer, die Blätter fallen, und langsam zieht sich alles nach innen zurück. Auch die Teepflanzen in Japan gehen in ihre Ruhezeit. Was wie Stillstand aussieht, ist die Grundlage für den ersten Tee des nächsten Jahres: Shincha. Ein guter Moment, um genauer hinzuschauen, was hinter diesem Mythos steckt.
Lass mich dich mitnehmen auf eine Reise zurück in eine schmale Seitengasse in Kanazawa.
Die Begegnung in Kanazawa
Ich erinnere mich an einen kleinen Teeladen. Eine alte Dame stand hinter dem Tresen, ihr Lächeln so zeitlos wie das Aroma in der Luft. Mein Japanisch war holprig, die Verständigung schwierig — bis ein Vater mit seinem Sohn den Laden betrat. Als er hörte, dass ich aus der Schweiz komme, rief er begeistert den Besitzer herbei.
Was als simpler Teekauf geplant war, wurde zu einer Zeremonie der Gastfreundschaft. Der Besitzer schenkte mir eine Tasse des „Tees aus diesem Jahr“ ein — ein Geschenk des Hauses. Ich sehe dieses sanfte Grün noch immer vor mir. Der Duft war so frisch, als hätte man den Frühling selbst eingefangen. In diesem Moment, fernab von jeder Hektik, wurde mir klar:
Tee ist kein Getränk. Tee ist ein Gefühl.
Was ist eigentlich Shincha?
Shincha (新茶) bedeutet wörtlich übersetzt schlicht „neuer Tee“. Es ist die allererste Ernte des Jahres (Ichibancha). Und sie beginnt lange vor der Ernte, nämlich jetzt, in der ruhigen Zeit:
- Der Winterschlaf: Über die kalten Monate speichern die Teepflanzen Nährstoffe und Aminosäuren.
- Der Neuaustrieb: Wenn die ersten Triebe im Frühling spriessen, steckt die gesamte Kraft der Pflanze in diesen jungen Blättern.
- Der Geschmack: Shincha ist bekannt für sein ausgeprägtes Umami, eine natürliche Süsse und einen extrem niedrigen Bitterstoffgehalt. Er duftet „grün“, fast wie eine frisch gemähte Wiese nach einem Frühlingsregen.
Für uns Europäer ist dieser Kult oft schwer greifbar. Wir sind gewohnt, dass Produkte das ganze Jahr über verfügbar sind. Doch Shincha ist ein flüchtiger Gast. Er wird gefeiert, weil er die Vergänglichkeit und gleichzeitig die Erneuerung symbolisiert.
Und genau darin liegt für uns die Botschaft der Jahreszeit: Erneuerung braucht Ruhe. Die Teepflanze macht es uns vor, sie darf im Winter langsam werden.
Matcha & das „Ceremonial“-Missverständnis
Oft reden wir von „Ceremonial Grade“ Matcha, als wäre es ein technisches Gütesiegel. In Japan ist Matcha jedoch eng mit dem Moment verknüpft. Man geniesst ihn in einem ruhigen Augenblick, begleitet von einer kleinen Süssigkeit, einem Wagashi, das die herbe Frische des Tees ausgleicht.
„Ceremonial“ ist kein Etikett auf einer Dose, sondern die Bedeutung, die wir dem Moment geben.
Gerade jetzt, wenn es früh dunkel wird und draussen die Kälte einzieht, ist eine warme Schale wie ein Anker. Wir schlagen den Tee schaumig, spüren die Wärme in den Händen, atmen den tiefgrünen Duft ein und tanken für einen Augenblick „innere Sonne“. Wir versprechen dir dabei keine Wunder, nur eine Pause. Ob der Matcha nun für eine jahrhundertealte Zeremonie zertifiziert ist oder ob wir ihn einfach für uns geniessen: Der wahre „Ceremonial Grade“ entsteht in unserem Kopf.
Erlebe es selbst mit ORIZUMI
Wir vom ORIZUMI Team bemühen uns, dieses Thema für euch erlebbar zu machen. Denn wir finden: Man muss es fühlen, um es zu verstehen. Am einfachsten gelingt das dort, wo Matcha von Menschen zubereitet wird, die ihr Handwerk lieben. Wir sind dankbar, mit vier solchen Orten in der Region Biel zusammenarbeiten zu dürfen. Dort kannst du unseren Matcha probieren, ganz ohne Zeremonie und ohne Vorwissen.
Café Bar Hasard
Eine der kleinsten Bars der Schweiz, nur eine Gehminute vom Bahnhof. Guter Kaffee, hausgemachte Paninis und, natürlich, unser Matcha. Perfekt für eine kurze Pause zwischen zwei Zügen.
Kiosk Wasen
Wer es etwas urbaner mag, ist am Neumarkt gut aufgehoben. Hier haben wir im August gemeinsam unseren Ichigo-Ichie-Tag gefeiert, mit purem Matcha und kleinen Dorayaki. Auch sonst gibt es hier feinen Matcha Latte und vieles mehr.
Alabama
Ein kleiner, aber sehr schöner Laden mit vielen tollen Produkten, darunter auch einiges aus Japan. Unser Matcha ist hier ebenfalls erhältlich. Ein guter Ort, um zu stöbern und ein Stück Japan mit nach Hause zu nehmen.
La Baume au coeur
Für alle, die es einmal hinauf nach Evilard zieht: Café, Bistro und Dorfladen mit lokalen Spezialitäten. Ein schöner Ort, um einen Matcha in Ruhe zu geniessen und danach noch im Laden zu stöbern.
Wenn es draussen früh dunkel wird, gönn dir eine warme Schale. Und wenn du im Frühling deine Bestellung für den neuen Tee aufgibst, denk an die alte Dame in Kanazawa. Such nicht nach dem teuersten Label, sondern nach der Frische, die dich kurz verschnaufen lässt.
Euer ORIZUMI Team